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Wie die IT-Presse mit Freien umgeht
Contributed by Kein-Anonymus on Dienstag, 01. November 2005 @ 13:24:08 MEZ
Topic: Medien
Über seltsame Verträge mit freien Autoren in einem Verlag der IT-Presse berichtet die Zeitschrift des Bayerischen Journalistenverbandes in der aktuellen Ausgabe des BJV-Reports 5/2005

Ein Journalist, der seit über 20 Jahren als freier Journalist im Umfeld der Computer-Fachpresse unterwegs ist, Jochen Ewe, berichtet im Interview mit dem BJV-Report, dass ihm ein Verlag in München einen kuriosen Autoren-Verlag vorgelegt habe. Er habe sich bei der IT-Wochenzeitung erkundigt, warum sein mit der Redaktion abgesprochener Artikel über IT-Workshops der TU München nicht erscheine. Der zuständige Redakteur habe erklärt, der Text werde nur veröffentlicht, wenn der Autor unterschreibe, auf ein Honorar zu verzichten.

In einer „Rahmenvereinbarung über Tätigkeit als freier Autor" habe unter „Vertragsgegenstand" gestanden: „Der Verlag wird den Autor im jeweiligen Einzelfall bitten, einen Beitrag für die Zeitschrift XXX zu verfassen." Im Abschnitt „Rechte" stehe der Satz: „Die Veröffentlichungen sollen dazu beitragen, dass der Autor in der Branche regelmäßig genannt wird. (…) Für den Autor stehen daher Marketingüberlegungen im Vordergrund. (…) Aus diesem Grund erfolgen die Veröffentlichungen und die Rechteübertragung unentgeltlich.“

Der Autor, der fünf Jahre Redakteur im Verlag war, hat auf Eingaben bei der Verlagsleitung und Geschäftsführung verzichtet: „Dem Redakteur war der Vorgang erkennbar unangenehm. Da ich die ganze Company recht gut kenne, habe ich davon abgesehen, auf saubere Geschäftspraktik zu drängen. Wenn ein Verlag in den Blättern, die seine Anzeigenkunden lesen, Schlagzeilen macht, weil er sich bei der Abo-Meldung an die IVW dummerweise immer um 20.000 Exemplare verzählt hat, dann hat der Geschäftsführer gewiss etwas anderes im Kopf als die Nöte der Autoren.“

Der Bayerische Journalistenverband hat den Namen des Münchener Verlages und Namen der IT-Wochenzeitung nicht genannt.


Leider steht der Artikel nicht online:
http://www.bjv.de/go/bjv/home/bjvreport.xhtml

 
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Für den Inhalt der Kommentare sind die Verfasser verantwortlich.
Re: Wie die IT-Presse mit Freien umgeht
von sysop1 am Mittwoch, 02. November 2005 @ 18:36:58 MEZ
Der Artikel steht jetzt (mit freundlicher Genehmigung von Interviewer und Interviewtem): hier (PDF).


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Re: Wie die IT-Presse mit Freien umgeht
von mklein am Donnerstag, 03. November 2005 @ 08:39:34 MEZ
Ohne die Artikel des Autors zu kennen: Das Problem wäre ja nicht, dass man PR-nahe Beiträge bzw. PR-Beiträge nicht honoriert. Das Problem liegt wohl tiefer: Nämlich, dass eine Zeitung ihren Lesern, die teure Abo-Gebühren zahlen, Artikel zumutet, die dem Verlag selbst keinen Cent wert sind.

Es handelt sich also um Artikel, die der Verlag bzw. die Redaktion als nicht aus der Leserperspektive geschrieben einschätzt: „Für den Autor stehen Marketingüberlegungen im Vordergrund." Das muss nun nicht einmal heißen, dass es fürs Produkt-Marketing oder das Marketing für Unternehmensberatungen und Systemhäuser in Publikationen keinen Platz geben muss: Nur sollte der Platz der nichtredaktionelle Teil sein.

Auch „Marketing“-Artikel müssen nicht plumpe PR sein und dem Leser nichts bringen. In den „Verlegerbeilagen“ der Süddeutschen Zeitung stehen durchaus interessante Artikel.



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Re: Wie die IT-Presse mit Freien umgeht
von Schusterjunge am Donnerstag, 03. November 2005 @ 16:53:28 MEZ
Viele Beilagen werden tatsächlich kostenlos gefüllt, weil es die Autoren finden, dass es sich gut macht, dort mit Namen und Bild zu erscheinen. Die meisten Geschäftsführer schreiben ihre Texte für FAZ & Co auch nicht selbst, sondern lassen schreiben.

Dass IDG aber einem verdienten Autor, den man schon lange kennt, einen solchen Vertrag unter die Nase hält, ist irgendwie ein Armutszeugnis.


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Re: Wie die IT-Presse mit Freien umgeht
von Feder am Samstag, 05. November 2005 @ 10:24:15 MEZ
Der arrogant-dreiste Umgang mit freien Mitarbeitern ist bitter - und leider kein Einzelfall. Neu ist dieses Verhalten in vielen Bereichen auch nicht: Fast alle Tageszeitungen zahlen ihren Freien seit Jahrzehnten nur ein lächerliches Zeilenhonorar.

Letztlich schaden sich gewisse Verlage damit massiv selbst, auch wenn sich derart absurde Geschäftspraktiken kurzfristig sogar betriebswirtschaftlich rechnen mögen. Hier hilft nur: Konsequent bleiben, unrentable Aufträge gar nicht erst annehmen! Ein freier Journalist muss mindestens 30 Euro/Stunde umsetzen, um überhaupt längerfristig existieren zu können.

Bis vor etwa zwei, drei Jahren waren nach meiner Beobachtung die besseren IT-Verlage heilfroh über die Mitarbeit guter Freier. Damals waren Seitenpreise von 200 bis 250 Euro durchaus normal, heute versuchen sogar rentable Blätter Mitarbeiter mit 150 Euro/Seite oder noch weniger abzuspeisen.
Daher ist das geschilderte Ansinnen symptomatisch für ein absurd anmutendes Umdenken. Nach meiner Beobachtung zählt zunehmend der möglichst geringe Seitenpreis und die "stressfreie" Berichterstattung: Überlastete Redakteure in ausgedünnten Redaktionen wollen weder lange nacharbeiten noch Ärger mit der Geschäftsleitung.
Zudem ist ein klarer Trend hin zur presse-/wettbewerbsrechtlich mehr als zweifelhaften Vermischung von Anzeigen und Redaktion zu sehen.

Hintergrund: Der IT-Fachpresse geht es aus mehreren Gründen nicht mehr so prächtig wie noch bis Ende 2001:

a) Viele Leser sparen. Früher haben sich IT-Interessierte mehrere Hefte geleistet, heute geht der Trend klar zu einem Heft/Monat. Zudem informieren sich Interessenten zunehmend mithilfe kostenloser Internet-Angebote und in speziellen Foren.

b) Das "große Fressen" macht seit längerem nicht mal mehr vor den Ikonen der Branche halt: Novell übernimmt SuSe, Avid schluckt Pinnacle, Adobe verleibt sich Macromedia ein... Das führt neben dem Konkurs zahlloser IT-Firemen zu einer "Marktbereinigung", also zum Verschwinden von Anzeigenkunden und geringeren Anzeigendurchschnittspreisen.

c) Auch große Verlage bekommen den Hals nicht voll, orientieren sich zu stark am momentanen Gewinn und vernachlässigen die Leserbedürfnisse. Auch das führt zu Produktenttäuschung und mittelfristig zu abbröckelnden Verkaufsauflagen.





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