Heftkritik: Guter Rat Computer 04/03
Datum: Montag, 24. November 2003 @ 10:58:53 MEZ
Thema: Heftkritik


Wenn ein Computermagazin 1,50 Euro kostet und sich an "Otto Normalanwender" richtet, dann ist eigentlich klar, mit welchem Mitbewerber es verglichen werden muss. Und wenn man "Guter Rat Computer" in der Hand hält, wird ebenfalls deutlich, dass die Voraussetzungen für den Neuling nicht gut sind - das Heftchen ist 98 Seiten dünn und fühlt sich wie eine geschrumpfte Computer Easy an. Das wär' ja aber alles nicht so schlimm,

wenn der Inhalt begeistern würde. Aber ach - was da am Kiosk liegt, ist bestenfalls eine Beta-Version. Wenn sich schon auf der ersten Innenseite zwei Grammatikfehler finden ("die Hälfte der Deutschen fühlen sich von ... überfordert", "Die Verzögerung bei ... kosten den Bund monatlich..."), stellt sich doch gleich ein schlechtes Gefühl ein. Dann die Ungenauigkeiten: Kazaa sei "seit September verboten", das Napsterabo biete "unbegrenzten Zugriff". Und die Widersprüche: Von einer "Aufholjagd von Sony Ericsson" spricht ein Chart - um im nächsten Satz zu relativieren: "Der Hersteller wächst geringfügig schneller als...". Und der falsche Gebrauch von Wörtern: "Aktuell", ein Lieblingswort der Redakteure, heißt laut Wörterbuch "für die Gegenwart bedeutsam, zeitgemäß". Gebraucht wird es hier aber im Sinne von "jetzt". Falsch: "Aktuell telefoniert jeder Bürger im Osten mit..." (S. 3). Richtig: "Test: Aktuelle Notebooks" (Titelseite). "Computer konkret" ist übrigens die Seite 3 betitelt - folgt auf der nächsten dann "Computer krass"? Glücklicherweise nicht - aber Besserung ist auch noch nicht in Sicht. "Handytarife sind schwer durchschaubar - vor allem im Ausland". Welchen Einfluss sollte der Standort des Anwenders auf die Durchschaubarkeit von Handy-Tarifen haben? Und dann diese fortwährenden Übertreibungen: "DSL ist überflüssig", schreibt die Redaktion als Fazit zu ein paar Modem-Tricks. Warum verzichtet sie dann nicht auf die DSL-Tariftabellen ein paar Seiten weiter? "Damit gelingt garantiert jeder Schnappschuss" wirbt das Inhaltsverzeichnis für einen Digicam-Test. Garantiert? Jeder? Und was ist ein "fast geschenkter Einheitspreis"? Kann man denn Preise (und damit sind keine Journalistenpreise gemeint) verschenken? Eine Endkontrolle, die ihren Namen verdient, scheint es trotz des geringen Umfangs nicht gegeben zu haben. "Betrag" statt "Beitrag", "in den ... ist ein Mikrofon und ein Display eingebaut", "Taum-PC", "Dateiberachter", "Textwerkd" statt "Textwerke", "eine gute Verarbeitung ohne scharfen Kanten", "Comuter-Nutzer", "zahlt der Kaufinteressent ein Cent pro Minute", "DVD-Recoder", "ablehen" statt "ablehnen", ...
Eine Ausnahme ist der Datenrettungs-Report - allerdings liegt das wohl daran, dass der wohl schon mal in CHIP erschienen ist. Im PC-Einkaufsführer auf S. 16 sind fast alle Erklärungen verrutscht. Ach ja, die Sprache: "Bravo" lässt immer wieder grüßen. Denn der Kevin, das ist ein ganz toller, ein "echter Computerjunkie. Immer die neuesten Spiele, nächtelange Game-Sessions im Internet, LAN-Partys und dazu ein Highend-Spielerechner - das ist genau sein Ding." Ich weiß ja nicht, was sein Ding wirklich ist, aber auch eine "super Grafikkarte" und ein "Monster-Computer" gehören wohl dazu. Schade nur - "das Taschengeld hat für die 2000-Euro-Konfiguration nicht ganz gereicht, Oma musste also aushelfen". Als "Early-Adapter" (sic) hat man es eben nicht leicht, man passt sich an, so gut man kann, aber man will ja nicht "bei einer LAN-Party dumm da[stehen]". Dass Guter Rat Computer für Jedermann verständlich wäre, ist leider auch eine Legende. Ständig liest man von "DDR"-RAM (ja, "Guter Rat" war in der DDR immer ausverkauft), man soll die vorletzte Mainboard-Generation kaufen, weil die "meist stabiler" ist (ja, früher wurden Mainboards halt noch aus deutschem Stahl geschmiedet und nicht aus labbriger Pappe).
Nach all der Kritik zum Schluss doch noch eine gute Nachricht: Nach dem ersten Viertel bessert sich die Heftqualität merklich. Zwar tauchen auch weiterhin Tippfehler auf, größere Patzer bleiben aber aus. Allerdings können die Artikel nicht immer halten, was sie versprechen. Der auf dem Titel angekündigte "Händlertest" ist beispielsweise eine auf einer Seite abgehandelte Stichprobe unter fünf Münchner Elektronik-Kaufhäusern.





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