Heftkritik: Tomorrow November 05
Datum: Freitag, 04. November 2005 @ 14:17:22 MEZ
Thema: Heftkritik


Eine ganz neue Tomorrow will VogelBurda mit der November-Ausgabe unters Volk bringen. Das Positive vorweg: die Gestaltung der Titelseite gefällt, Tomorrow gelingt es, sich von der Konkurrenz abzuheben. Satte Farben, nicht alltägliche Schriften - allerdings führt das, was Tomorrow da auf dem Titel zeigt, vom eigentlichen Inhalt des Hefts weg.

Jedenfalls weist mich der erste Eindruck eher auf eine Art schicker "Connect" und nicht auf ein Lifestyle-Heft. Die Rubrikaufteilung ist zu drei Vierteln gelungen - News-Welt, Erlebnis-Welt und Test-Welt liefern das, was ihre Bezeichnung verspricht. Nicht so die Bilder-Welt: hier hat Tomorrow versucht, den Praxis-Teil der üblichen Fachzeitschriften mit Bilderstrecken à la Stern zu verbinden. Das funktioniert nicht, einen Schritt-für-Schritt-Workshop schaut man sich nicht deshalb mit mehr Interesse an, weil er in Bildern erzählt wird (was, ganz nebenbei, ComputerBILD schon seit Jahren erfolgreich - aber mit anderem Anspruch - gelingt). Dabei hatte die Redaktion ein paar nette Ideen: Geräte von vorn UND von hinten abzubilden zum Beispiel - oder in Originalgröße. Schade, dass daraus nicht eine eigene "Welt" entstanden ist, die Geräte unter ungewohntem Blickwinkel zeigt. Textlich und fachlich kann die "neue" Zeitschrift nicht überzeugen - ein paar Beispiele von vorn nach hinten: eine DVB-T-Meldung erzählt von "Fernsehasten" und davon, dass DVB-T Notebooks in Geräte mit "besten digitalen Sendeeigenschaften" verwandele. Die Texte klingen oft bemüht und damit unglaubwürdig "cool", "PC-Power satt" heißt es etwa über einen Rechner, die Leser sind mal "Freaks", mal "Junkies", in manchen Sätzen stammt fast jedes zweite Wort aus dem Englischen ("ein Smartphone mit allen Tools, die ein Organizer braucht"). Der Leser hätte mehr davon, würde die Redaktion das Marketing-Blabla der Hersteller auch im Newsteil öfter mal hinterfragen. Wenn eine Digitalkamera mit 800x600 fotografiert und selbst dann nur 10 Bilder speichert, dann verdient das auch ein Urteil. Und wenn ein Laufschuh plötzlich schneller sein soll, erwarte ich mehr als die Hokuspokus-Erklärung seines Erfinders. Ab und zu hat die Schlussredaktion geschlafen, etwa auf Seite 19 ("viele anderen Namen"), 29 ("weltweit umspannend"), 45 ("nach sich selbst benannte Platte"). UPS stellt Tomorrow auf Seite 18 als eine Art Weltneuheit vor. Die "Presserabatt"-Aktion ist, nun ja, eher schwach, der Leser spart tatsächlich rund 7 Euro, wenn er via Tomorrow einen iPod nano bestellt. Der HDTV-Artikel enthält ein paar Ungenauigkeiten, HDCP heißt z.B. nicht automatisch, dass man so geschützte Sendungen nicht aufnehmen kann, und dass die für HDTV nötige Bandbreite terrestrisch digital durchaus zu bewältigen ist, zeigt Japans NHK seit Jahren. Bei den Reportagen hat man allzuoft das Gefühl, dass sie mindestens teilweise am Schreibtisch entstanden - wenn Tomorrow bei der Grand Challenge wirklich "am Start" war, dann muss das im Artikel auch dokumentiert werden, AP-Fotos genügen dann eben nicht. Auch in der Campus-Reportage sind alle Bilder eingekauft. Der Notebook-Check auf Seite 64 ist viel zu pauschal - ginge es nach ihm, dürfte es überhaupt nur zwei Notebook-Typen geben. Wenn der MDA-Pro schon groß den Titel ziert, hätte ich mehr als einen Einseiter darüber erwartet. Das klingt jetzt alles sehr negativ - trotzdem denke ich, dass das Heft erfolgreich sein kann. Voraussetzung: es bleibt beim aktuellen Preis von 1,50 Euro. Falls der sich wieder verdoppelt, wird der Käufer wohl eher zur Konkurrenz mit CD oder DVD greifen.





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